Vom Urteilen
Ein Bauer lebte am Rande eines Dorfes und hatte einen Acker, der gerade groß genug war, dass er alles darauf anbauen konnte, was er zum Leben brauchte. Seine Frau war früh gestorben und seinen einzigen Sohn hatte er allein groß gezogen. Im Laufe der Jahre hatte der Bauer gelernt, die Dinge des Lebens so anzunehmen, wie sie auf ihn zukamen und er durchwanderte ohne Klagen die Berge und Täler seines Lebens. Auf diesem Weg wuchsen in ihm Gelassenheit und ein tiefer Friede...
Die Dorfbewohner schätzten den Bauern sehr, denn sie suchten oft seinen Rat, wenn die Sorgen des Lebens und die Mühsal der Arbeit sie zu erdrücken drohten. Und niemals ging einer fort von ihm, ohne neue Hoffnung und Zuversicht gefunden zu haben.
Doch trotz seiner Armut besaß der Bauer einen großen Schatz. Bei diesem Schatz handelte es sich um ein schneeweißes Pferd von erlesener Schönheit. Und jeden Morgen, bevor er die Arbeit auf seinem Feld begann, ging er hinaus zu diesem Pferd. Er streichelte es, flüsterte ihm ins Ohr und sprach mit ihm. Er liebte sein Pferd über Alles und so begann jeder Tag für ihn voller Freude.
Eines Morgens aber, als der Bauer erwachte, fühlte er eine seltsame Leere. Als er vor die Tür trat, bemerkte er, dass der Stall leer war - das weiße Pferd verschwunden. Als dies im Dorf bekannt wurde, liefen die Dorfbewohner zu dem Bauern, um ihn zu trösten, so wie auch er sie immer getröstet hatte.
„Armer Bauer, welches Unglück hat dich getroffen! Kann es denn ein größeres Unglück geben, als alles zu verlieren, was du besessen hast?“
Doch der Bauer stand still vor seiner Hütte, hob die Hand und sprach: „Wie könnt ihr von Unglück reden? Wir wissen nur, dass mein Pferd verschwunden ist. Ob dies nun aber ein Unglück oder Glück ist, das wissen wir nicht“.
Und tatsächlich kehrte das weiße Pferd nach einiger Zeit eines Nachts zurück und es war nicht allein: eine Herde von 40 wilden Pferden war mit ihm gekommen. Nach dem Recht des Landes gehörten diese Pferde nun ihm und so wurde er ein reicher Mann.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Dorf. „Schnell! Lasst uns zu ihm gehen, dem glücklichen Bauern!“ riefen die Dorfbewohner. Sie lachten und freuten sich für ihn, während sie fröhlich lärmend die staubige Strasse zu ihm liefen, und er hörte schon von weitem ihre freudigen Rufe: „Glück hatte er, unser Bauer, Glück! Er hat Recht behalten! Ach, wie klug ist unser Bauer! Und so weise! Nun ist er reich, so reich!“ Und sie freuten sich wirklich.
Doch seltsamerweise stand er wieder nur ganz still vor seiner Hütte. Dann hob er wieder seine Hand und als die Dorfbewohner verstummten, sagte er: „Wie könnt ihr von Glück reden? Alles was wir wissen ist, dass mein Pferd zurückgekommen ist und mit ihm 40 wilde Pferde, die nun mir gehören. Ob dies nun aber ein Glück oder Unglück ist, das wissen wir nicht. Ihr lest eine Seite in einem Buch – wie könnt ihr dann das ganze Buch beurteilen?“
Da wunderten sich die Dorfbewohner über diesen sonderlichen Alten und konnten ihn nicht begreifen. Viele lachten über ihn.
Der Sohn des Bauern trainierte nun die Pferde, eines nach dem anderen. Eines Tages aber wurde er abgeworfen und brach sich beide Beine.
„Der Bauer hat wieder Recht behalten. Es war kein Glück, das ihn getroffen hatte, es war ein Unglück. Ach, wie weise ist doch unser Bauer“ flüsterten sich die Leute im Dorf zu.
Sie gingen hin, um ihm dies zu sagen, doch er erwiderte nur: „Habt ihr denn nichts verstanden von dem, was ich euch gesagt habe? Alles was wir wissen ist doch nur, dass mein Sohn vom Pferd gefallen ist und sich beide Beine gebrochen hat. Ob das nun aber ein Glück oder ein Unglück ist, das wissen wir nicht. Das Leben kommt in Fragmenten daher. Ihr aber beurteilt das Ganze!“
Kurze Zeit später brach ein Krieg aus und alle wehrfähigen Männer wurden zu den Waffen gerufen. Nur der Sohn des Bauern blieb zuhause. Er hatte ja gebrochene Beine.

